Kontrastprogramm Jungpferd. Eine faszinierende Sache, denn je nachdem, welchen Stall man betritt, wird man feststellen, dass mit Jungpferden in der Halle, in der Bahn oder auf dem Reitplatz sich alle Welt sehr komisch benimmt. Das Hauptkommando für alle Mitreitenden ist dann gerne Pscht.
Es darf nicht gehustet, nicht geatmet werden und noch viel besser wäre es, wenn gar keiner da wäre. Das gilt allerdings nur so lang, wie man selbst kein Jungpferd unterm Hintern hat – denn die Pscht-Leute sehen vor allem sich … und SICH. Und sich auch!

Da schlendert man also gemütlich an der Halle entlang, hintendran der faule Freiberger, der die Beine nicht so hebt, da wird man über die Hallenbande schon angepschtet.
„Ich mach doch gar nix!“
„Doch, du bist total laut. Ich hab hier ein JUNGPFERD!“

Das Jungpferd hat auch nie einen Namen, alle wissen nur, dass es jung ist, denn die Reiterin in der Halle wird JEDEN ansprechen, der vorbei kommt. Oder den sie nur am Horizont sieht.
Geht ja schon am Anbindeplatz los. Mit folgender Anekdote:

„Hier nicht daneben stellen, das ist ein JUNGPFERD.“
„Ja, aber das stand schon 400 Mal hier und die beiden stehen zusammen auf der Weide.“
„Trotzdem!“

Ab jetzt sind dann nur noch die gegenüberliegenden Anbinder nutzbar, aber bitte auch nicht direkt dahinter, da sind nur noch 50 Meter Platz! Das geht nicht. Da könnte das Jungpferd sich bedrängt fühlen. Oder allein? Ach, schlaue Tipps kommen nicht gut an, lassen wir das lieber.
Bis die … pardon … saublöde Dame auf die Idee kommt, das Halfter zum Trensen ganz abzumachen und das Jungpferd mitsamt der Trense, die natürlich nur um den Hals hängt, rückwärts läuft, sich losreißt und zum Tor hinaus rennt. Wiedersehen! Erst so ein Geschisse machen, aber dann nicht mal minimalste Sicherheitsvorkehrungen? Halfter über den Hals? Irgendetwas?

Weg ist das Jungpferd und die fünfhundert Euro Trense ist auch hin. Die schleift es munter hinter sich her, als es prustend wiederkommt (hat sich wohl verlaufen) und sich schnell neben den rettenden Todesstern stellt. Wenigstens ein bekanntes Gesicht. Besitzerin mit hochrotem Kopf kommt ein wenig später. Stellt das Pferd … Verzeihung, JUNGPFERD wieder auf seinen Platz: Das muss es ja lernen.

Ich sattle. Bin dabei aber wohl zu laut, denn aus der Ecke hinter mir kommt schon wieder: „Pscht.“ Bedauere es sehr, dass ich da noch keinen Galopper hatte, die springen bei Zischgeräuschen nämlich los. Gelernt ist gelernt.
Der Todesstern stampft, weil eine Fliege sie berührt. Die Frau mit Jungpferd hüpft. Jungpferd auch. Weiß nur nicht weshalb. Tippe aber auf die Frau.
In der Halle hängt sie mir am Hintern. Weil sie ein Jungpferd hat. Ja und ich hab einen Todesstern, der tritt! Versuche ihr das zu erklären und sie lässt beleidigt Abstand. Gar keine Hilfe bekäme man hier mit einem Jungpferd und es würde ja auch keiner Rücksicht nehmen.
Ich gebe es auf und trabe an. Da werde ich aber schon wieder ausgeschimpft:
„Das musst du vorher ansagen, ich hab doch ein JUNGPFERD!“

Muss ich erwähnen, dass die Halle riesig ist und ich gefühlte zehn Kilometer von ihr weg angetrabt bin? Ich rolle mit den Augen, der Todesstern auch, denn plötzlich hängt das Jungpferd im Galopp an ihrem Hintern. Immerhin, sehr versammelt, denn der Todesstern hat keinen schnellen Trab. Aber sie fühlt sich immens bedroht, da poltert was hinter ihr. Sie hält abrupt an um zu drohen.

Jungpferdereiterin keift: „Hallo? Nimmt man hier wohl gar keine RÜCKSICHT mehr?“
„Nein, offensichtlich nicht, denn ich habe dir schon erklärt, dass die Stute kein Bremsklotz ist. Die tritt!“

Böse schnatternd lenkt Madame von mir weg und erspäht die Reitlehrerin am Halleneingang. Wo sie sich prompt über meine Respektlosigkeit auskotzt. Glaube ich jedenfalls, denn ich höre unablässig die Worte: „RÜCKSICHT“ und „JUNGPFERD“. Den Rest verstehe ich nicht, kann ihn mir aber denken. Drehe seufzend um und dackle ebenfalls zur Tür. Draußen regnet es zwar, doch der Platz ist sehr verlockend.

Meine Reitlehrerin, das muss man ihr zugute Halten, sagt nichts. Kein Wort – jedenfalls nicht zu mir. Freue mich, dass ich die Jungpferd-Reiterin los bin. Ungefähr fünf Milisekunden, bis meine Reitlehrerin mich fragt: „Wohin willst du denn?“
„Auf den Platz.“
Und die Jungpferd-Reiterin brüllt: „Warte auf mich, dann kann die mal den Platz kennenlernen.“

Foto: Sieht nur aus wie ein Jungpferd.